ICEJ

"ICEJ-NACHRICHTEN" - DIREKT AUS JERUSALEM

Nachrichten und Kommentare über Israel und den Nahen Osten, zusammengestellt von Journalisten der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem.

JERUSALEM, Sonntag, den 29.06.2003

 Denn ich will dir Genesung bringen und dich von deinen Wunden heilen, spricht der HERR, weil man dich eine Verstoßene nennt: «Das ist Zion, nach dem niemand fragt!» Jeremiah 30,17  

Auszeit vom Terror – 20 Disraelis in Reichelsheim

Ende April diesen Jahres war es wieder soweit: Ein Gruppe 20 junger „Disraelis“ (Disabled Israelis) landete auf dem Frankfurter Flughafen. Die jungen Israelis, die durch Terroranschläge verwundet worden waren, fuhren unter Leitung des Holocaustüberlebenden Ilan Brunner weiter nach Reichelsheim, wo sie in umfangreiches 10tägiges Besuchsprogramm erwartete.

Eingeladen hatte die „Disraelis“ die ökumenische Offensive Junger Christen (OJC) aus Reichelsheim, die sich für Verständigung zwischen Juden und Deutschen einsetzt. Die OJC finanzierte mit Hilfe vieler Spender diesen besonderen Aufenthalt für ihre israelischen Gäste. Gemeinsam mit OJC-Mitarbeitern und deutschen Jugendlichen besuchten sie das Konzentrationslager Dachau, die Bundeswehr in Hardheim, die Evangelische Marienschwesternschaft Darmstadt und den Loreleyfelsen am Rhein.

Eigentlicher Schwerpunkt des Programms waren aber persönlichen Begegnungen – die enge Gemeinschaft in den zehn Tagen brachte es mit sich, dass die jungen Israelis und ihre deutschen Gastgeber Bedenken und Vorbehalte gegenüber dem jeweils anderen schnell über Bord warfen.. 

Den „Disraelis“, immer zu Scherzen aufgelegt und schnell die Gitarre bei der Hand, war ihre hartes Schicksal oft erst auf den zweiten Blick anzumerken. Der 24jährigeAvi Avitan aus Jerusalem z.B., jetzt Medizinstudent, wurde als Mitglied einer neunköpfigen Militärpatrouille im Südlibanon schwer verletzt. Zunächst explodierte eine Bombe der Terrororganisation „Hisb’Allah“ in ihrer Nähe, dann gerieten er und seine Kameraden unter schweren Granatwerferbeschuss von sieben verschiedenen Stellungen aus – ein Mitglied der Patrouille starb, Avi und sechs weitere überlebten schwer verletzt. Nach sieben Monaten Krankenhaus und drei langwierigen Operationen arbeitete Avi sich zäh an einen Zustand heran, der alle Ärzte überraschte. „Ich führte den Krieg nicht in der Armee, sondern im Krankenhaus“, kommentiert er heute. 

Auch die 21jährige Aviv Ronen hat Traumatisches erlebt – im August letzten Jahres kehrte sie während des obligatorischen Militärdienstes nach Schabbatende wieder mit dem Bus zu ihrem Militärstützpunkt zurück. Nach 20 Minuten Fahrt sprengte sich ein Selbstmordattentäter im mit Soldaten und Studenten vollbesetzten Bus in die Luft, genau hinter Avivs Sitz. Neun Menschen starben, 49 wurden verletzt. Avivs Verletzungen waren so gravierend, dass sie von den Rettungskräften zunächst für tot gehalten wurde.  

Jetzt genießt sie ihr „zweites Leben“, besonders in Deutschland, wo sie endlich wieder angstfrei tun kann, was sie in Israel aufgrund ihrer Erfahrungen einfach nicht mehr schafft: allein einkaufen, mit Freunden in die Disco gehen oder einfach einen Bus nehmen. Ein Jahr nach dem blutigen Anschlag verbringt sie in Israel immer noch die meiste Zeit in ihrer Wohnung. Zur Therapie fährt sich dreimal wöchentlich nur mit dem Taxi oder dem Privatauto. Zwar hasse sie den Attentäter, der sie beinahe in den Tod gerissen hätte, nicht aber die Araber im allgemeinen. Eine bewundernswerte Haltung.  

Die schmale, zarte Israelin Ziv Mor, 27, sah bis vor kurzem keinen Grund in ein Land zu reisen, wo sechs Millionen Menschen ihres Volkes ermordet wurden. Ihr Schwiegervater hate seine ganze Familie wegen der Nazis verloren. „Warum laden sie uns ein?“ fragte sie sich zunächst, „ist es das schlechte Gewissen, fühlen sie sich schuldig wegen der Geschichte?“ Sie meinte zunächst, die Einladung sei nicht an sie, die versehrte Israelin, gerichtet, sondern an eine Jüdin, bei der man sich nun stellvertretend entschuldigen wolle. Jetzt aber habe sie gespürt, dass man an ihrem persönlichen Schicksal Anteil nimmt, das Interesse wirklich ihr gilt. „Ich bin den Deutschen, die ich getroffen habe, sehr nah und verbunden“, beteuert Ziv, die berichtete, wie sie sich am Anfang unwohl fühlte bei dem Gedanken, dass eine junge Deutsche ihr Zimmer teilen würde.  

Avi Avitan hatte sich zunächst auch gefragt, warum er der Einladung nach Deutschland folgen sollte. Nach zehn Tagen bekennt er, sein Bild habe sich "total verändert. Ich möchte in Israel ein Botschafter für Deutschland sein." Wie Avi und Ziv hat ebenso Aviv mit deutschen Jugendlichen aus der Gruppe Freundschaft geschlossen. Ilan Brunner, der selbst als fünfjähriger nur mit knapper Not den Nazis entkam, wünscht sich für noch viele seiner "Disraelis" die gleiche Erfahrung.  

Herr Brunner, Initiator der „Disraelis“-Initiative, möchte dieses Jahr insgesamt 100 Israelis ermöglichen, nach Deutschland zu reisen, um Kontakte und Freundschaften mit jungen Deutschen zu entwickeln und sich von den Spannungen zuhause zu erholen. Es werden nach wie vor Gastfamilien und Sponsoren für weitere Aufenthalte gesucht. Wenn Sie Interesse haben, die „Disraelis“-Initiative zu unterstützen, wenden Sie sich bitte an Herrn Brunner unter bruner@012.net.il. Weitere Informationen zu der Initiative finden Sie auch im Internet unter www.disraelis.org.


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