israel heute 2005

14 DisraeliS in Kassel –

Völkerverständigung 1 : 1

von Martin Lehmann

Auf Einladung von Israel Heute e.V. besuchten 14 Israelis vom 24. Mai bis zum 5. Juni 2005 den Raum Kassel. Sie kamen im Rahmen des DisraeliS-Projektes mit dessen Initiator Ilan Brunner.

DisraeliS steht für „Disabled Israelis“ – durch Kriegshandlungen oder Terroranschläge verwundete und traumatiserte Menschen, die durch die Abwechslung eines Auslandsaufenthalts etwas Erleichterung für ihr Schicksal erhalten sollen.

Für die meisten von ihnen war es der erste Besuch in Deutschland. Entsprechend gemischt waren die Gefühle bei der Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen. Die anfängliche Skepsis verwandelte sich aber schon am nächsten Tag in Staunen über die Liebe und Freundlichkeit, mit der die Gastgeber von Israel Heute e.V. ihren Besuchern begegneten. Das Eis war gebrochen zwölf erlebnisreiche Tage konnten beginnen.

Gedenken

Der erste Tag stand im Zeichen des Gedenkens an die Ermordeten der Schoah. Die Gruppe nahm teil an der Einweihung einer Gedenkmauer am jüdischen Friedhof in Volkmarsen (Fotos unten). Der Verein „Rückblende – gegen das Vergessen e.V.“ hatte die Errichtung der Gedenkmauer veranlasst, um der Volkmarser Juden zu gedenken, die im Dritten Reich deportiert und ermordet wurden.

An diese Einweihung, die unter erfreulich großer öffentlicher Beteiligung stattfand, schloss sich noch eine von den DisraeliS vorbereitete Gedenkzeremonie für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden an. Der einzige überlebende Volkmarser Jude, der extra für die Einweihung aus Berlin angereist war, war sichtlich bewegt, als die israelischen Gäste das Kaddisch, das Totengebet, sprachen.

Auf die DisraeliS machte es einen starken Eindruck, als sie erfuhren, dass die meisten der zu dieser Gedenkstunde Erschienenen keine Juden sind. Mit so viel Anteilnahme hatten sie nicht gerechnet.

Erlebnis-Touren

Der nächste Tag bescherte uns herrliches Sommerwetter – genau das Richtige, um mit dem Schiff von Kassel die Fulda abwärts nach Hannoversch Münden zum Zusammenfluss mit der Werra zu fahren und die Geburt der Weser sowie die Fachwerkbauten dort zu bestaunen. Unterwegs begeisterten sich unsere Gäste an dem ungewohnt vielen Grün und den gelben Rapsfeldern.

Am Freitag ging es dann nach Paderborn in einen Tier- und Erlebnispark. Am Abend besuchte die Gruppe den Schabbat-Gottesdienst in der neuen Kasseler Synagoge und wurde durch die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kassel, Esther Haß, herzlich begrüßt. Anschließend gab es eine festliche Schabbatfeier zusammen mit den Gastgebern und einigen spontan eingeladenen Studenten der CVJM-Sekretärsschule, in deren Tagungsstätte die Gruppe die erste Woche übernachtete.

Der Sonnabend verging ganz relaxed im Thermalbad Kassel-Wilhelmshöhe. Am Abend wurde die große Grillanlage der CVJM-Tagungsstätte genutzt. Es war ein sehr gemütlicher Kennenlernabend zwischen Israelis und Gastfamilien. Es wurde erzählt und gesungen; ein wunderschöner Ausklang des Schabbat, der um 22.30 Uhr mit der Havdala-Zeremonie, dem Gebet der Unterscheidung zwischen den Tagen der Arbeit und dem Tag der Ruhe sowie dem Dank an Gott für diesen Tag der Ruhe, verabschiedet wurde.

Auch der folgende Sonntag brachte wunderschönes Sommerwetter, genau das Richtige, um im Bergpark Wilhelmshöhe, dem größten Bergpark Europas, spazierenzugehen. Beeindruckend war der Besuch der Löwenburg mit ihrer spätmittelalterlichen Rüstkammer und den historischen Gemächern der Kurfürsten, die diesen riesigen Park für ihr Vergnügen anlegen ließen.

DisraeliS waren begeistert

Der Höhepunkt waren dann die Wasserspiele, der künstliche Wasserfall von der Höhe des Herkules, Kassels Wahrzeichen, herab bis zum Schloss Wilhelmshöhe. So viel Wasser und so viel Grün – unsere israelischen Gäste waren begeistert!

Am Montag eine völlig neue Erfahrung für unsere Gäste: der plötzliche Wetterumschwung mit verhangenem Himmel und Regen – den gibt es zu dieser Zeit in Israel nicht. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch, auch wenn einige auf solche Temperaturschwankungen nicht eingerichtet waren.

Am Abend gab es eine Begegnung mit Studenten der Uni Kassel, geleitet vom Studentenpfarrer der Uni, Ludwig Möller. Ein offener Abend der Begegnung, der manche Vorurteile ins Wanken brachte. Für einige ergab sich daraus gleich eine Verabredung zu einer Studentenfete in den nächsten Tagen.

Empfang beim Kasseler Bürgermeister

Der Dienstag begann hochoffiziell. Stadtrundfahrt durch Kassel, gesponsort von der Stadtverwaltung, mit anschließendem Empfang beim Bürgermeister. Der Hessische Rundfunk brachte einen Beitrag im Regionalfernsehen mit Interviews einiger Israelis. Eine sehr erfreuliche Begegnung, bei der das Positive des DisraeliS-Projekts zum Ausdruck kam.

Am Mittwoch dann die Einladung der Bundeswehr. Da die jungen Israelis ja durchweg Militärerfahrung haben, ist die Begegnung mit deutschen Kameraden ein wichtiger Termin bei den Deutschlandbesuchen der DisraeliS-Gruppen.

Es ist für beide Seiten ein sehr bereicherndes Erlebnis, sich über Gemeinsamkeiten, aber auch unterschiedliche Erfahrungen austauschen zu können. Die Ernsthaftigkeit und Besonnenheit, mit der die jungen Israelis über ihre Kampfeinsätze sprechen, ist bemerkenswert.

Jüdische Ethik

Bei diesen Begegnungen wird etwas deutlich von der jüdischen Ethik und der Einstellung zum Leben als dem von Gott gegebenen größten Schatz des Menschen.

Leben retten ist das oberste Gebot, auch das Leben des Feindes, denn auch er ist ein Mensch, den Gott ins Leben gerufen hat. Macht sich ein Mensch aber selbst zur Lebensbedrohung, dann geht der Schutz Unschuldiger vor dem Leben des Bedrohers.

Auch am Donnerstag gab es viel Technik zu sehen, diesmal im VW-Werk in Baunatal, dem zweitgrößten VW-Werk in Deutschland. Sehr beeindruckend die Getriebefertigung, die riesigen Stanzen und Pressen, die Lasertechnik zum Zuschneiden der Stanzteile, die Industrieroboter und, zu guter Letzt, die Werkskantine, die extra auf die jüdischen Essgewohnheiten Rücksicht genommen hatte. Das VW-Werk hat uns dankenswerterweise einen der beiden Kleinbusse zur Verfügung gestellt, mit denen wir über 2500 km mit unseren Gästen unterwegs waren. 

Am Freitag wieder schönes Sommerwetter, genau das Richtige für eine Kanutour auf der Diemel. Dass unsere Gäste den Umgang mit so viel Wasser nicht gewohnt waren, bekamen einige dann intensiv zu spüren – durch ein unfreiwilliges Bad in dem Flüsschen. Kanufahren ist gar nicht so einfach! Aber das Wetter war warm, und die Klei-dung trocknete schnell wieder. Der Freude über das bestandene Abenteuer tat das keinen Abbruch.

Am Sonnabendnachmittag trafen wir uns dann in großer froher Runde zum Grillen, Eindrücke weitergeben und Abschied nehmen.

Wertvolle Zeit

Es war eine wertvolle Zeit für die Gäste wie auch für die Gastgeber. Eine Zeit des Begegnens, des Kennenlernens, des sich Öffnens und sich Mitteilens. Behutsam konnte etwas von dem Schmerz angesprochen werden, den die Israelis mitgebracht hatten:

Die zwei Schwestern, die einen großen Teil ihrer Familien bei dem Selbstmordattentat vor drei Jahren zu Pessach in Netanya verloren haben; das Geschwisterpaar, das an den ums Leben gekommenen Bruder erinnert; die Mutter, die um ihren Sohn trauert und deren Familie aus Kassel stammte, die ein anderes Deutschland kennen lernte als das, aus dem ihre Eltern fliehen mussten.

Ein bewegender Abend war der, an dem wir das Musical „The Covenant“ – aufgeführt und verfilmt von der „Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem“ – gezeigt haben.

Ein Musical über Stationen in der Geschichte Gottes mit Seinem auserwählten jüdischen Volk, von der Berufung Abrahams bis in die Gegenwart. Ein Musical, das von der Treue Gottes zu Seinem Volk und von der Treue Israels zu Seinem Gott erzählt. Ein Musical, das den säkularen Israelis nahebringt, dass Israel eben kein Volk wie jedes andere ist, dass Gott sein Volk nicht verworfen hat und dass ER es heimholt von den vier Enden der Erde, heim in das Land, das ER Abraham verheißen hat, für immer.

Gekommen waren skeptische Israelis – heimgefahren sind Botschafter der Völkerverständigung zwischen Deutschland und Israel. LeHitraot, DisraeliS, auf Wiedersehen!             Martin Lehmann

Wir danken herzlich allen Lesern, die durch ihre Spenden diesen wertvollen Besuch ermöglicht haben!

Aus einem Brief von „Disraeli“ Omri Malachy (kleines Foto mit Sonnenbrille):

„Es war die beste Erfahrung, die ich je gemacht habe. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, in dieser Gruppe zu sein. Vielen, vielen Dank.“

 

Brief von Ilan Brunner, Leiter des „DisraeliS“-Projektes, und seiner Ehefrau Esti

Liebe Kasseler

Freunde Israels,

jetzt, da wir von unserem wunderschönen Besuch in Kassel zurück sind und uns der Alltag langsam wieder einholt, liegt es mir auf dem Herzen, Euch für die tolle Zeit zu danken, die Ihr uns ermöglicht habt. Meine DISRAELIS-Kinder waren alle sehr begeistert und beeindruckt von der warmen Gastfreundschaft, mit der Ihr Euch ihnen gewidmet habt, was Ihr sicher selber spüren durftet. Ich bin mir sehr bewusst, dass diese Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen und dass Ihr genauso von der Liebe und Freundschaft, die sich auf beiden Seiten füreinander entwickelten, mitgerissen wurdet.

Ich werde nie all die Anstrengungen und die Großzügigkeit vergessen, mit der Ihr es meiner Gruppe möglich gemacht habt, teilzunehmen. Und ich bin mir sicher, dass es nach einer so erfolgreichen Mission nur ein Ergebnis geben kann, und das ist ein weiterer DISRAELIS-Besuch in Kassel in naher Zukunft.

So seid nun lieb gegrüßt meine Freunde, und vergesst nicht, dass Ihr eine neue Gruppe wohlwollender israelischer Botschafter geschaffen habt und dass die Erzählungen über den DISRAELIS-Besuch in Eurer Gemeinde sich unter den israelischen Familien und Freunden gleichermaßen herumsprechen. Dies sind im wahrsten Sinne des Wortes echte Multiplikatoren. Noch einmal vielen Dank und ein herzliches

Schalom aus Israel

von Esti und Ilan Brunner

 

Gottes Segen wird spürbar

Das Zusammensein mit Israelis im DisraeliS-Projekt in Deutschland weckt jedesmal in mir den Wunsch, dass sich für jeden der traumatisierten jungen Menschen verwirklichen möchte, was im Johannesevangelium steht: „Euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Und dann ist die Erfahrung wunderbar zu erleben, wie durch Zuwendung, Freundlichkeit, durch Liebe und Freude im angst-freien Raum die zunächst sehr ernsten, leidgeprüften Gesichter sich entspannen und zu strahlen beginnen. Das haben die Juden 2000 Jahre lang nicht erfahren, Liebe von anderen Nationen! Und die sind wir Deutschen ihnen besonders schuldig!

Im DisraeliS-Projekt können wir sie verwirklichen. Die Erfahrungen mit den jungen Israelis möchte ich nicht missen. Die Freude kehrt ins eigene Herz zurück, Gottes Segen wird spürbar.

Dr. Reinhard Schwarzer, Begleiter des DisraeliS-Projektes

 

Ganz außergewöhnliche Erfahrung

Der Besuch der DisraeliS war für uns eine ganz außergewöhnliche Erfahrung. Wir waren fasziniert zu sehen, dass in so kurzer Zeit eine so herzliche Atmosphäre zu israelischen Bürgern entstehen konnte. Angesichts dessen, dass die Juden in der Vergangenheit viel Schlimmes von Christen und Deutschen erfahren mussten, hat uns das wirklich beschämt, aber auch erfreut.

Wir sind Ilan Brunner, dem Gründer dieser Organisation, dankbar, dass er solche Besuche vorbereitet und begleitet. Und wir sind den Gruppenmitgliedern dankbar, dass sie trotz allem, was gewesen ist, den Mut aufbrachten, das Wagnis eines solchen Besuchs auf sich zu nehmen.

Wir wünschen von ganzem Herzen, dass Gott unseren Besuchern und noch vielen kommenden ihre alten und neuen Wunden heilen möge, so dass sie ihre schrecklichen Erfahrungen ein wenig vergessen können und ihre Gegenwart nicht täglich davon belastet wird.

Gott segne auch in Zukunft diese Begegnungen und schenke noch vielen unserer Leser die Möglichkeit, einmal dabei zu sein.

Heidi und Wolfgang Peuckert (2. Vors. von Israel Heute e.V.)


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