|
Liebe Freunde
Der letzte Brief liegt schon mehrere Monate zurück. Es drängt uns deshalb um so mehr, von den erfreulichen Ereignissen zu berichten, die wir damals angekündigt und für die wir seither große Unterstützung erhalten haben. Nun ist es soweit, dieser Brief soll dem etwas ausführlicher Raum geben.
Im Buch Rut 1.16 sagt Rut zu Nomi „... wohin du gehst, will ich gehen (...) Dein Volk ist mein Volk ...“ Das sind beeindruckende Worte von einer beeindruckenden Frau, die vor langer Zeit aufgeschrieben wurden. Könnte es sein, dass auch wir als Christen heute durch diese Worte angesprochen werden und uns fragen müssen, ob diese Geschichte für uns jetzt und heute eine Relevanz hat? Wir wollen mit unseren jüdischen Freunden einen Weg gehen, sie verstehen und lieben lernen. Was es alles heißen kann, diesen Weg zu gehen, ist auch für uns eine neue Erfahrung, die wir jeden Tag neu Gott hingeben und fragen müssen: wie sieht es praktisch aus? Was braucht es, um realistisch statt idealistisch in Beziehung mit Juden zu stehen?
Im August hatten wir ein weiteres Paar von Holocaust-Überlebenden bei uns, Anna und ihren Bruder Jaacov, beide kurz vor dem ersten Weltkrieg in Rumänien geboren. Ihr Besuch war in mancher Hinsicht anders als vorhergehende. Es scheint, dass uns langsam und ganz sanft immer schwierigere Aufgaben anvertraut werden. Uns wurde dabei erneut bewusst, dass nicht unsere Erwartungen zählen, sondern die Tatsache, dass die beiden ihren Aufenthalt in der Schweiz genießen können.
Es hat uns selber erstaunt, wie schnell sich ein Projekt dieser Art entwickeln und man in neue, unbekannte Dimensionen gelangen kann. Was uns im Frühjahr noch unmöglich oder zumindest eine Nummer zu groß schien, stand plötzlich zum anfassen nah vor uns: das Empfangen einer Gruppe von vierzehn Israelis für zwölf Tage in der Schweiz.
Die Absicht bei einem solchen Unternehmen ist dieselbe: trösten, Gelegenheit für eine Zeit der Entspannung bieten. Die Gästegruppe war von der Organisation DISRAELIS zusammengestellt und vermittelt worden. Es waren ausschliesslich junge Menschen zwischen 18 und 33, die sich mit Ausnahme von zwei vorher nicht kannten. Ihre körperlichen und seelischen Verletzungen stammen von Terroranschlägen oder Überfällen, die sie als Zivilisten erlebt haben und aus Kampfhandlungen und Unfällen in der Armee. Die Gründer und Leiter von DISRAELIS, Ilan und Esti Brunner, begleiteten die Gruppe und waren ebenfalls unsere Gäste. Im folgenden unser Bericht über das Erlebte.
DISRAELIS Swissgroup
Am 20. September begann für uns eine Pionierarbeit: Mit zwei Kleinbussen holten wir unsere Gäste am Flughafen Zürich ab. Alle waren wohlauf und das Timing klappte. Es war für uns ein spezielles Gefühl, gleich eine ganze Gruppe junger Israelis zu empfangen, um mit ihnen eine gemeinsame Zeit zu verbringen. Was wird uns alles erwarten? Die ersten Momente der Begegnung waren beidseitig geprägt von Freude und gemischten Gefühlen. Für die meisten war es der erste Aufenthalt in der Schweiz.
Nach zweistündiger Autofahrt kamen wir mit großer Erwartung in Tschiertschen an und konnten unsere Gäste mit einem „Schweizer Apéro“ herzlich empfangen. Die Atmosphäre im Haus Beth Chesed (unter Einheimischen besser bekannt als Hotel Edelweiss) war geprägt von Dankbarkeit und Wärme. Alle fühlten sich in ihren Zimmern mit der einmaligen Aussicht ins Schanfigg sehr wohl.
Auch wenn das Wetter für unser Empfinden nicht immer optimal war, konnten wir jeden Tag ein attraktives Programm durchführen. Große Flexibilität war angesagt. Für unsere Freunde war jeder Tag der schönste! Sei es der dramatische Ausblick vom Weisshorn auf das Nebelmeer, die Begegnung mit Jägern und Einheimischen, eine Kutschenfahrt im friedlichen und romantischen Roseg-Tal, ein Nachmittag beim Kegeln, selbst die unzähligen Kurven der Strasse nach Tschiertschen, die man sehr bald auswendig kennt, Reiten als in Erfüllung gehender Kindheitswunsch, Lädele – einmal ohne Terror-Angst, ein bisschen wandern, Abende mit Spielen und Tanz, ein echter Alpabzug direkt vor der Haustüre oder auf der längsten Rodelbahn der Welt talwärts zu rasen, all dies half ihnen, ihre Sorgen und schwierigen Alltagssituationen aus Israel zu vergessen. Die frische Alpenluft und die Stille der Berge waren Balsam für ihre Seelen. Auffallend und für uns Deutschschweizer überraschend war das Wohlwollen der Bevölkerung der Gruppe gegenüber, verglichen mit Erfahrungen in anderen Teilen der Schweiz. Außer einer Autopanne gab es keinen ernsthaften Zwischenfall, alle waren gesund.
Im Verlaufe des Aufenthalts erlebten wir verschiedene Höhepunkte. Ein tiefer Wunsch der Israelis erfüllte sich, als über Jom Kippur der erste Schnee fiel, für eine Teilnehmerin der erste Schnee in ihrem Leben. Ein anderes besonderes Ereignis war der Empfang unserer Freunde durch den israelischen Botschafter in Bern. Und wir wurden auch von einer Gruppe aus Schaffhausen besucht, die uns nahe steht. Gemeinsam tanzten wir und sangen israelische Lieder und hörten eine Kurzbotschaft.
Nach und nach wuchs das Vertrauen zueinander, die Herzen öffneten sich gegenseitig in tiefen und guten Gesprächen. Eine Atmosphäre der Liebe Gottes machte sich breit und man spürte, dass völkerverbindende Freundschaften entstanden. Für alle war es eine intensive aber besondere Erfahrung, sich in einer Gruppe von Schweizern und Israelis geborgen zu fühlen. Man kam sich von Tag zu Tag näher, Vorurteile wurden abgebaut, Beziehungen vertieften sich.
Nachdem wir unsere Freunde wieder auf den Flughafen gebracht hatten, fehlte uns etwas, nach dem Abschied entstand ein Vakuum. Das leere Haus, mit leeren Autos fahren ...
Reaktionen und Eindrücke der Gäste
Äußerst wertvoll sind uns die Dinge, die im Rahmen der Abschlussrunde am letzten Abend nicht nur ausgesprochen, sondern auch sichtbar und spürbar wurden. Zwischen den Worten kam mehr herüber. Man spürte eine tiefe Dankbarkeit und auch ein Geborgensein; viele erwähnten ausdrücklich, dass sie diese zwölf Tage ohne Sorgen, Stress und Angst verbracht hätten, was ihnen wie ein Traum vorgekommen sei. Dies sei mehr wert als alle wunderbaren und spannenden Ausflüge und die schöne Landschaft, die sie ebenfalls genossen haben. Die Liebe wurde in der Feedback-Runde am meisten erwähnt und erklärt. „I love you.“ Viele hatten das Gefühl von Familie erlebt.
Die langsame Öffnung der TeilnehmerInnen, die wir nach ein paar Tagen feststellten, kann nicht künstlich erwirkt werden. Wir erfuhren, dass jeder Gast in dieser Zeit einen persönlichen Weg durchlief und dadurch reich beschenkt wurde.
Die Sprachbarriere war keine. Vielmehr gab sie Anlass zu intensiver Auseinandersetzung, man hörte verschiedene Sprachen, die Israelis interessierten sich für Schweizerdeutsch und die Schweizer für Hebräisch. Hier – wie auch allgemein – stellten sich die Kinder als Brückenbauer zwischen Gästen und Team heraus und es entstanden enge Freundschaften. „Echad, Schtaim, Schalosch ...“
Die Möglichkeit, Jom Kippur im Kreis einer jüdischen Gemeinde zu verbringen, wurde sehr geschätzt. „Ihr habt uns sogar lächerliche Dinge, um die wir euch bitten, gegeben“. Gemeint war die Rücksicht auf Vorschriften, die – nach ihren Vorstellungen – in den Augen von Nichtjuden seltsam anmuten könnten. Das Küchenteam erntete viel Anerkennung für ihre liebevoll und kreativ zubereiteten kulinarischen Köstlichkeiten. Den verschiedenen Ansprüchen der koscheren Küche gerecht zu werden, war nicht immer einfach.
Wir selber sind beeindruckt von der Liebe und Fürsorge innerhalb dieser zusammengewürfelten Gruppe und auch uns gegenüber, angesichts der beträchtlichen Unterschiede in Charakter, Alter und Hintergrund der einzelnen TeilnehmerInnen um so mehr. Und wir sind vor allem dankbar für das Vertrauen, das uns jeder Gast entgegengebracht hat, für den Mut, in ein fremdes Land zu fremden Menschen zu gehen, ohne zu wissen, was ihn erwartet. Wir haben Erfahrungen gesammelt und dabei viel gelernt. Deshalb hat uns der Satz „man merkt nicht, dass ihr dies zum ersten Mal gemacht habt“ besonders gefreut! Er annullierte auf einen Schlag alle Gefühle von Versagen, die in Momenten aufkamen, wenn etwas nicht so gut geklappt hatte.
Singen und fröhlich sein sowie den Mut nicht sinken lassen waren zentrale Erfahrungen, die wir von ihnen lernen durften wenn wir sahen, wie sie überall Lebensfreude verbreiteten.
Bei der Auswertung im Team eine Woche später fiel auffallend oft der Ausdruck ‚beim nächsten Mal’...
Finanzen
Ein Wort zu den Kosten. Auch hier sind unsere Erwartungen übertroffen worden: die für die Gruppe bestimmten Spenden erreichten CHF 19’190.-, und das Total des Budgets wurde ziemlich genau eingehalten, wenn auch mit anderer Verteilung. Wir konnten erstmals die ganzen Flugkosten übernehmen. Übernatürlich wurden wir versorgt mit einem Haus und zwei Kleinbussen ... einfach so! Allen, die dazu beigetragen haben, gehört unser Dank und wir wünschen, dass sie durch diesen Bericht auch an der Freude teilhaben, die sie ermöglicht haben. Toda raba!
Ausblick und Dank
Die nächsten Gäste kommen bestimmt, der Zeitpunkt dafür steht noch nicht fest. Als erste Priorität wollen wir um Gottes Führung für die nötigen Entscheidungen bitten.
Den Teammitgliedern danken wir von Herzen für ihre Zeit, ihren großen Einsatz und ihre Kreativität, die sie für unsere Gäste eingesetzt haben.
Wir sind überzeugt, dass Gott mit Menschen etwas tun will und dass wir in diesem Werk Mitarbeiter sind. Wir wollen alles Lob und allen Dank von der Gruppe weiterleiten an Den, Der uns die Idee und den Mut gegeben und die nötigen Mittel und human resources freigesetzt hat.
Mit herzlichen Grüßen und Schalom aus Bern
Projekt Erez
Hans und Annemarie Lanz Cristina Heierli Daniel Schmezer
|