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Verletzte Israelis finden Trost und Wiederherstellung in Deutschland

Von Uwe Siemon-Netto (UPI Korrespondent, Bereich Religion)

W a s h i n g t o n, 17. Juli 2002

Was meinen Sie, wo schwer verletzte junge israelische Veteranen hinfliegen, um ein paar Tage Frieden zu erleben, nachdem sie jahrelang inmitten des Terrors gelebt haben? Würden Sie auf Deutschland kommen?

Können Sie sich vorstellen, dass einige von ihnen später von dem ersten tiefen Schlaf schwärmen, den sie nach langer langer Zeit in Weitenhagen nahe der Ostsee genossen haben? Und scheint es nicht fast unglaublich, dass ein Holocaust-Überlebender diese Reise organisiert?

Noch erstaunlicher: das evangelische Rüstzentrum, wo sie übernachteten und gemeinsam mit Deutschen ihres Alters sangen, tanzten und beteten, befindet sich nur eine Bootsreise entfernt von der Insel Rügen. Dort wurden bis zum Zusammenbruch der DDR im Jahre 1989 palästinensische Guerillas ausgebildet.

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Ilana Silvan, 20, verließ Deutschland nur sehr ungern nach ihrem 10-tägigen Aufenthalt. „In Deutschland entdeckte ich meine größte Liebe wieder – die Musik“, erzählte sie dem Korrespondenten in einem Telefoninterview von Tel Aviv aus.

Ilana hatte geglaubt, nie wieder spielen zu können. Am vierten Tag als Soldatin bei der israelischen Armee, detonierte eine Ladung Sprengstoff unter ihrem Sitz im Bus, verbrannte ihren halben Körper und machte ihre rechte Hand für immer bewegungsunfähig. Es stellte sich heraus, dass ein Terrorist die Explosion mit seinem Handy ausgelöst hatte.

Das war vor 18 Monaten. Ilana hatte zuvor als Saxophonistin in einer Band gespielt, außerdem war sie Pianistin. „Seit diesem Tag habe ich nicht mehr gespielt. Ich dachte, ich könnte es auch nie wieder.“

Doch als sie sich im Haus der Stille, einem Rüstzentrum der örtlichen Lutherischen Kirche in Vorpommern, erholte, lernte sie einen Chemiker aus Halle, dem Geburtsort von Georg Friedrich Händel, kennen.

„Komm, lass uns etwas zusammen spielen“, schlug er ihr vor und wählte – selbstverständlich – eine Händel-Komposition für vier Hände aus. Zögernd setzte sich Ilana neben ihn und fing an, mit ihrer heilen linken Hand zu spielen. „Eine Hand fehlte zwar“, bemerkte sie lachend, „dennoch war es ein sehr bewegendes Erlebnis.“

Wie alle deutschen Begleiter der 18 jungen Veteranen, unterstützt der Chemiker Israel aus theologischen Gründen: „Sie sind davon überzeugt, dass Gott den Juden das Land Israel gegeben hat,“ erklärte der in der ehemaligen Tschechoslowakei geborene Holocaust-Überlebender, Ilan Brunner, 68, der seit zehn Jahren immer mal wieder junge versehrte Israelis nach Deutschland bringt.

Als Kind schickten seine Eltern Brunner von Prag aus auf einem Kindertransport nach England. Er lebte dort in einer Pflegefamilie. Seine Eltern konnten wie durch ein Wunder nach Palästina fliehen, so dass die Familie nach sieben Jahren wieder vereinigt war.

Als army-captain arbeitete Brunner in der deutschen Abteilung der Israelischen Verteidigungsarmee. „Aufgrund dieser Tätigkeit fand ich heraus, wie viele herzliche Gefühle Christen in Deutschland gegenüber Israel empfinden.“

Daraufhin begann das Ein-Mann-Unternehmen namens Disraelis – Abkürzung für „Disabled Israelis“ (versehrte Israelis) – das Ferien für Veteranen in Deutschland organisiert. „Er scheute sich nicht, seine ganze Überredungskunst aufzubieten“, so Horst-Klaus Hofmann, Gründer und pensionierter Vorsitzender der OJV-Gemeinschaft, einem bedeutenden Jugendwerk in Deutschland.

„Wir besuchten gerade einen Bußgottesdienst in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem“, erinnerte sich Hofmann, „und da war Ilan, der eins klarstellte: ‚Worte beeindrucken uns nicht. Wir Israelis interessieren uns nur für Taten.’“

Und eine Tat folgte. Mit Hofmanns Hilfe begann Wolfgang Breithaupt, lutherischer Pastor einer Kirchengemeinde und Leiter des Rüstzentrums in Weitenhagen, Gelder aufzubringen, um Brunner und 18 junge Israelis nach Deutschland zu bringen. „Wenn wir genug Geld hätten, könnte ich bestimmt alle drei Monate ein neue Gruppe zusammenstellen, die nach Deutschland kommt,“ so Brunner.

Dies war nun der menschliche Aspekt dieser Geschichte – eine Geschichte der Freundschaft zwischen jungen Deutschen und Israelis ungefähr sechs Jahrzehnte nach Hitlers Tod. Aber es gibt auch einen politischen und einen theologischen Blickwinkel.

Während Westdeutschland die Verantwortung für das übernahm, was die Nazis den Juden angetan hatten und Entschädigungsgelder an Israel sowie Holocaust- Überlebende oder ihre Nachkommen zahlte, taten dies die Kommunisten in dem von Sowjets kontrollierten Osten nicht. Sie behaupteten, da sie von ihrer Überzeugung her im Grunde gegen die Nazis seien, auch der von ihnen regierte Teil Deutschlands in Bezug auf Hitlers Taten unschuldig sei.

Diese Auffassung wurde von der schrumpfenden aber doch starken christlichen Minderheit in Ostdeutschland, die später dabei half, die Regierung Honeckers zu stürzen, nicht geteilt.

Während die ostdeutsche Regierung Palästinenser ausbildete, um gegen Israel zu kämpfen, beteten lutherische Pastoren, besonders solche mit evangelischer Überzeugung, offen für dieses Land. Außerdem riefen sie ihre Gemeindemitglieder dazu auf, für die Verbrechen zu sühnen, die die Nazis in ihrem Namen begangen hatten. Pfarrer Wolfgang Breithaupt war einer dieser Pastoren. Gemessen an dem außergewöhnlich zahlreichen Besuch seiner Gottesdienste in der gotischen Kirche von Weitenhagen, teilten und teilen immer noch viele seine Meinung.

Um die historische Ironie dieser Geschichte noch abzurunden sei gesagt, dass Weitenhagen nicht weit entfernt liegt von dem ehemaligen Gelände der Nationalen Volksarmee in Eggesin. Es war das Terrain einer ostdeutschen bewaffneten Elitebrigade. Nun ist dort natürlich die Bundeswehr stationiert.

In Eggesin, erzählte Ilana Silvan, bewegte es sie und andere der Gruppe sehr, als sie die israelische Flagge zur Begrüßung neben der deutschen gehisst sahen, bevor sie dann auf dem Gelände in Leopard II Panzern mitfahren durften und Schnitzel zum Mittagessen bekamen.

„So viel Liebe und Respekt von den Deutschen zu erhalten, erfüllte die jungen Leute mit Stolz, Juden und Israelis zu sein“, kommentierte Brunner diese Begegnung.

Sie revanchierten sich auf eine interessante Art und Weise. Sowohl Ilana als auch Rafi Peretz, 27, ein anderer Veteran, der 1995 im Südlibanon in einen Hinterhalt geraten und schwer verletzt worden war, berichteten UPI, wie leid es ihnen für eine Gruppe junger Schüler getan hätte, mit denen sie auf ihrem Rundgang im Konzentrationslager Neuengamme, nahe Hamburg, zusammentrafen.

„Sie weinten“, erinnerte sich Ilana, „sie sagten uns, wie sehr sie sich dafür schämten, Deutsche zu sein und baten uns um Vergebung. Wir erwiderten, dass da nichts zu vergeben sei, schließlich hätte ihre Generation nichts falsch gemacht.“

Peretz mahnte sie sogar: „Ihr könnt genauso stolz darauf sein, Deutsche zu sein, wie ich es bin, ein Israeli zu sein.“

Die meisten der Israelis besuchten auch Breithaupts Gottesdienst, wo Ilan Brunner Psalm 23 auf Hebräisch las und israelische Lieder gesungen wurden. „Ich wünschte mir, wir hätten ebenfalls Musik in meiner Synagoge in Tel Aviv,“ bemerkte Peretz später.

Ein andere junger Veteran namens Shlomi legte dem 50jährigen Pastor in einem Gespräch die Geschichte aus 1. Mose aus, die vom Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis handelt – einer Erkenntnis, die beabsichtigt war, Gottes Vorrecht zu bleiben.

„Breithaupt – dieser erfahrene Theologe – war beeindruckt von dem Verständnis dieses jungen Mannes“, erzählte Hofmann.

„Ich kann es gar nicht abwarten, nach Deutschland zurückzukehren“, ließ Ilana UPI wissen. Laut Aussage von Brunner sprach sie damit vielen anderen aus der Seele. Aber er fuhr fort: „Natürlich gibt es auch noch andere im Heiligen Land, die leiden, unter anderem die Palästinenser.“

Deshalb wird Pfarrer Breithaupt als nächstes eine Gruppe palästinensischer Christen einladen, damit auch sie Frieden und Zuneigung in seinem Teil Deutschlands erleben können, der – ironischerweise – andere Palästinenser vor nicht allzu langer Zeit ausgebildet hat, Israelis zu töten.


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